Statement
Meine Arbeiten kreisen um die Themen Wahrnehmung, Fremdheit, Lebensspuren, Erinnerung. In den Bereichen Lebensspuren und Erinnerung arbeite ich mit teilweise lang angelegten Recherchen. Der
interdisziplinäre Ansatz mancher Arbeiten entspringt meinem Bestreben, Kunst mit dem „wirklichen“ Leben in Verbindung zu bringen. Nichts ist so aufregend wie das Leben selbst.
Bei dieser Form von research-based-art soll der Blick nicht nur zurückwendet und die Konstruktion von Erinnerung abgehandelt werden. Ein wichtiges Element ist mir, dabei die Verbindung zur
Gegenwart (wieder)herzustellen. Ich glaube, dass das Verflechten von verschiedenen Bedeutungen und zeitlichen Ebenen den Prozess des Erinnerns erweitert. Erinnerung allein betrifft nur die
Vergangenheit. Ich will eine Bedingung für ein konstantes Hin- und Herpendeln zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen. Wie der Philosoph Karl Jaspers sagte: “Wir sind, was wir
erinnern”. Sicher beeinflusste der frühe Tod meiner Mutter meine Entscheidungen sehr. Die Vergangenheit mit der Gegenwart auszusöhnen könnte in gewisser Weise ein Weg sein, den Tod zu
bewältigen.
Es kommt mir auf die Gleichrangigkeit unterschiedlicher Methoden an beim Versuch, das Phänomen Leben zu erfassen: nur so können wir uns in unserer komplexen Verfasstheit, der „condition humaine“
begreifen. Deshalb arbeite ich mit unterschiedlichen Medien und unterschiedlichen Ansätzen. Das hat wohl seinen Grund in eigener Erfahrung mit einer anderen Disziplin, der Rechtwissenschaft. Auch
diese anderen Disziplinen schauen auf den gleichen Untersuchungsgegenstand: das Leben, wenn auch mit unterschiedlichen Methoden.
Seit einigen Jahren konzentriere ich mich zunehmend auf Fotografie. Ich arbeite ausschließlich mit einer analogen Kamera und unterschiedlichen Lochkameras. Dabei interessieren mich Fragen
nach den Grenzen des Sehens je nach Kontext und je nach Bewusstheit und die Frage danach, was von den Erscheinungen, die vor dem Auge auftauchen, mit der Kamera transportiert werden kann. Die
Vieldeutigkeit der Wirklichkeit scheint mir nicht fassbar durch schlicht perfekte Fotografie.
Deshalb arbeite ich häufig mit Doppelbelichtungen und den Unwägbarkeiten der Lochkamerafotografie. Damit nehme ich auf je unterschiedliche Weise Zufälligkeiten in Kauf, in der Hoffnung, dass sich
in diesen etwas enthüllt, das ich nicht sehen konnte, immer auf der Suche nach dem „Mehr“, dem Zauber im Alltäglichen. Es werden visuell und gedanklich Freiräume geschaffen, die doch aus dem
Vorgefundenen herkommen. Es ist meine Art, von dem Zweifel an realistischer Abbildung zu erzählen. It is hard to touch the real.
Mit beiden Techniken kommen zusätzlich zur der Fotografie inhärenten Dichotomie – Festhalten von etwas Vergangenem, aber als Bild in die Zukunft weisend – weitere Zeitebenen ins Bild. Bei der
Doppelbelichtung können zwischen den einzelnen momenthaften Zitaten aus dem Gesehenen Sekunden oder auch lange Zeiträume und Ortsveränderungen liegen.
Bei der Lochkamerafotografie erhöht sich der Anteil an Zufälligkeiten durch das Fehlen von Sucher und Linse noch erheblich. Die meist nötigen langen Belichtungszeiten – fallweise auch Stunden –
zwingen mich zur Hingabe an den Moment, an die Zeitspanne. Ich liebe diese Langsamkeit, die mir Konzentration erlaubt und mich herausfordert. Schon diese langen Belichtungszeiten schließen im
Bild eine Zeitspanne ein; schnelle Bewegungen werden im Bild „übergangen“ (sie sind nicht sichtbar), langsame Bewegungen aber können abgebildet werden, dies mit einer gewissen Unschärfe gegenüber
schärferem Umfeld. Es kann eine Aufnahmesituation entstehen, in der die Grenze zwischen Betrachterin und Betrachtetem allmählich verschwimmt. Der Blick beginnt hin- und herzupendeln.
In dieser Abweichung von Sehgewohnheiten liegt für mich ein Anreiz, genauer hinzusehen. Es ist aber auch ein Statement über den konstruktiven Gehalt jeden Bildes. Der Kontrollverlust, der in
dieser Form zu arbeiten liegt, eröffnet mir neue Wahrnehmungen und Sichtweise.
Obwohl die Lochkamera-Fotografien in ihren Unschärfen und ihren perspektivischen Verzerrungen an den romantischen Piktoralismus denken lassen können, ebenso wie die Bildkonstrukte durch
Doppelbelichtung, liegt für mich die Bedeutung in einem intensivierten Sehen durch ein Dagegenhalten gegen den Perfektionismus der digitalen Fotografie, aber auch gegen die Überfülle, die
damit einhergeht, in einem Befragen der Ergebnisse. Um etwas über das Sehen Hinausgehendes zu erfassen: eine andere Art Sinn wird möglich geworden sein.
# Eine Lochkamera ist das einfachste Gerät, um optische Abbildungen zu erzeugen. Sie hat keine optische Linse, sondern besteht nur aus einer dunklen Zelle (einer camera obscura), mit einer kleinen, verschließbaren Öffnung in der Frontwand dieser Zelle. Das auf der gegenüberliegenden Innenseite entstehende reelle Bild lässt sich auf lichtempfindlichem Material (Fotopapier, Film) oder über einen Bildsensor festhalten. Weil das Loch meist mit einer Nähnadel gestochen wird, heißt der englische Terminus pinhole camera.
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